Die erfundene Wahrheit der neuen Kriminalität?

Bisher habe ich mich eigentlich überhaupt nicht für das Presseportal der Polizei interessiert. Als reger Facebook-User fiel mir jedoch schon in der Vergangenheit auf, dass gerade Polizeimeldungen immer mehr ihren Weg in die alltägliche Informationswelt fanden. Es schien mir, als seien es gerade sehr ängstliche Menschen, die sich in ihrer Angst bestätigt fühlen wollen. Die Welt ist doch so schlecht geworden und ein Gefühl der Unsicherheit macht sich breit. Nicht zuletzt seit „Köln“, unserer neuen Zeitrechnung, schauen die Menschen vermehrt, was in der Polizeipresse alles berichtet wird. Daraus wird dann die Erkenntnis auf eine emotionale Ebene gebracht: Alles wird schlimmer, man darf sich gar nicht mehr auf die Straße trauen.

Aber ist das wirklich so? Oder mag es nur daran liegen, dass besorgte BürgerInnen nun einfach mehr in die Richtung schauen, die sie zuvor gar nicht mal beachtet haben? Ich merke schon selbst, wie eine Unruhe eintritt, nur weil ich vermehrt von Überfällen lese. Aber ein Stück weiter gedacht und ich schaue lieber nach den Fakten. Denn in dieser Welt passiert immer etwas. Man kann sich nie grundsätzlich schützen oder sicher fühlen. Es kann auch ganz plötzlich ein Aneurysma im Kopf platzen und man fällt tot um. Darf man deshalb nicht mehr vom Sofa aufstehen?

Ängste können von außen gemacht werden. Seit „Köln“ scheint mir eine neue Hysterie in der Gesellschaft zu wachsen. So liest man auf Seiten bei Facebook, welche schon einen sehr konservativen bis rechten Tenor pflegen, dass gerne aus dem Umfeld eines Bekannten, der es von einem Freund gehört haben, dessen demenzkranke Oma es der Katze ins Ohr geflüstert hat, dass…..Geschichten erzählt werden. „Ich habe gehört“, wird gern genommen. Ungeachtet einer Quellenprüfung und einer Prüfung der Aussagen auf Wahrhaftigkeit werden diese Hörensagenmärchen weitererzählt. Und ja, man will sie hören. Man will in seiner Angst bestätigt werden und damit nicht alleine sein. In der Angst sind wir vereint.

Ich nicht!

Sehr gerne wird in einschlägigen Kreisen von dubiosen weißen Kleinbussen geschrieben. Mädchen werden damit durch die Gassen gejagt, können sich in letzter Minute retten. Die Männer steigen aus dem Wagen, suchen das Mädchen, finden es nicht. Eine Horrormeldung, die Angst macht. Unbestritten. Aber was ist dran an dieser Meldung?

„Sie (Admin.: Die Polizei) stellt fest, dass in sozialen Netzwerken die Gerüchteküche unkontrolliert brodelt. Wenn Meldungen über Delikte an Kindern, Vergewaltigungen oder Straftaten von Flüchtlingen im Netz kursieren, ermittelt die Polizei. Oft stellen sich die Sachverhalte als völlig überzogen oder sogar frei erfunden dar, sagt die Polizei.“

Ferner spielen sich Spaziergänger, die nicht den Bürgerwehren zugeordnet werden wollen, als Retter in der Not auf. Sie laufen in Fußgängerzonen fußballspielenden jungen Männern hinterher und behaupten, diese hätten durch ihr Fußballspielen eine Frau eingeschüchtert. Wäre es das neue Antanzen, fragen sie bei Facebook? Als dann die Gruppe der Fußballspielenden vor der Gruppe der Spaziergänger flüchteten, war für sie der Verdacht bestätigt. Weil sie wegrennen, hatten sie nur ein Verbrechen im Sinn. Ich wiederum halte es für völlig normal, wenn organisierte Spaziergänger, die ihrerseits auch eine Gruppe darstellen, ebenfalls dazu führen können, dass man schnell die Beine in die Hand nimmt und vor denen stiften geht. Was also ist dran, an so einer Meldung, die nur aus dem persönlichen Empfinden heraus eine Stimmung erzeugt in der der rechte Mob wieder johlt.

Ebenso tauchen als neues Phänomen erfundene sexuelle Belästigung oder ebenso ausgedachte Angriffe durch Flüchtlinge auf.  Was sind das für Mädchen/Frauen, die so etwas behaupten, obwohl es nicht stimmt? Was sind das für Menschen, die sofort herumbrüllen und aus einer nicht geprüften Meldung gleich eine braune Suppe von sich geben? So z. B. passiert in Weilerswist: „Harmloser Vorfall mit Flüchtlingskind sorgt für böse Gerüchte bei Facebook“. Eine ebenso kuriose Geschichte ereignete sich in Kirchheim unter Treck: „Mädchen erfinden Verfolgung durch Asylbewerber“. Auch im Sauerland wurde eine Vergewaltigung nur vorgetäuscht.

Meldungen dieser Art scheinen sich derzeit zu häufen, was natürlich dazu führt, dass wirkliche Opfer von Sexualgewalt nicht mehr ernst genommen werden und sie um ihre Glaubwürdigkeit kämpfen müssen. So ist doch gerade das Thema der Sexualität stets ein Thema von Rechten. Frauen, die sich für ihre Rechte stark machen oder für Demokratie kämpfen, werden oftmals von Rechten mit Vergewaltigung bedroht. Diese Einschüchterungsszenarien finden in diesen Kreisen durchaus als Instrument statt. Wen wundert es, dass es gerade rechtsorientiere Menschen sind, die dieses Thema zu einem machen. Weil sie andere Argumente kaum kennen. In der Psychologie nennt man das „spiegeln“. Es wird das eigene Verhalten auf einen anderen projiziert. Das Unterbewusstsein gibt über einen Menschen mehr Informationen, als dem Individuum lieb ist. Daher wundert es auch nicht, dass gerade mit der gesellschaftlichen Veränderung von Menschen, die aus Kriegsgebieten in Deutschland Schutz suchen, auch diese rechte Argumentation von kranker Sexualität in die Öffentlichkeit dringt.

Vor einiger Zeit warb die NPD für die Todesstrafe für Kinderschänder. Und schon wieder keimt das Thema auf.

Umso weniger wundert mich Folgendes. Auf einer Facebookseite wurde von einem Vorfall berichtet, dass ein Mädchen in Gelsenkirchen von einem Flüchtling sexuell belästig worden sei. Eine heftige Diskussion sei auf dieser Plattform entbrannt. Das Mädchen ging nicht zur Polizei, um die Belästigung zu melden. Das kann verschiedene Ursachen haben, auch Scharm. Aber es kann auch sein, dass dieses Mädchen nicht die Wahrheit gesagt hat. Wer kann dies noch beurteilen? Bei Diskussionen, die sich bei Facebook tummeln, scheint es nicht möglich, die Wahrheit zu finden. Ebenso sollte man auch niemanden Vorverurteilen und abwarten, ob solche Meldungen überhaupt einen Wahrheitsgehalt haben.

Wie Hetze im Netz funktioniert, zeigt folgendes Video, welches die Beratungsstelle „pro aktiv gegen rechts“ veröffentlicht hat.

Es ist kein Geheimnis, dass wir in schwierigen Zeiten leben. Schwierig ist es schon länger, den Wahrheitsgehalt von Informationen herauszufiltern. Daher ist es wichtig:

  • Die Quelle zu prüfen
  • Die Absicht der Quelle zu hinterfragen
  • Die Fakten einer Meldung herauszufiltern
  • Diese Fakten zu prüfen

Wenn man für sich den Anspruch hat, selbstbestimmt entscheiden zu wollen und sich nicht vor einen Karren spannen zu lassen, ist man gut beraten, stets die Absichten einer Meldung zu hinterfragen.

 

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