Die Fünf-Minuten-Pokemon-Attacke der Gesellschaft

Ich nenne sie nur noch Pokemons, diese geleiteten Wesen, fremdbestimmt und egoistisch. Während sie noch nach Solchen suchen, sind sie schon selbst zu welchen mutiert. Oder waren sie es immer schon? Dieser Frage nachgehend, versuche ich herauszufinden, was das ursächliche Mensch-Sein überhaupt ist. Wo hört die Selbstbestimmung auf, ab wann wird er zu einem willenlosen und massenkonformen Wesen?

Das wurde mir heute wieder ein mal von der Gesellschaft präsentiert. Wohl bemerkt, ich nehme Eindrücke auf und versuche sie zu bewerten bzw. zu verstehen. Für mich wird eines immer klarer: Mit der Masse der Gesellschaft fühle ich mich nicht konform. Nennen wir es so: Ich bin ein schlecht integrierter Mitbürger und habe dazu noch die deutsche Staatsbürgerschaft. Wohin will man mich jetzt ausweisen?

Worum geht es überhaupt?

Es geht eigentlich nicht mehr als um 5 Minuten, in denen ich mit einer Gesellschaft konfrontiert wurde, die mit meinem Werteverständnis nur noch ganz entfernt etwas zu tun hat. Diese 5 Minuten begannen bei der Drogeriekette dm an der Kasse. Die Kassiererin zog ohne eine Veränderung ihres Gesichtsausdruckes die Produkte meines Vorgängers über den Scanner. Ich beobachtete sie, während ich so wartete und dachte: „Sie verhält sich schon genau so starr, wie diese Maschine“. Ping – Guten Tag – Ping – Paybackkarte – Ping – Auf Wiedersehen – Ping – Guten Tag…. und dann kam ich dran. Guten Tag – Ping – Paybackkarte…. Ich verneinte. Aber während wir den roboterartigen Verkaufsprozess vorantrieben fragte ich sie: „Ich kann mit „Paybackkarte“ nichts anfangen. War das eine Frage? Möchten Sie wissen, ob ich eine habe oder ob ich eine möchte?“ „Jetzt kann ich auch nichts mehr machen. Die hätten sie vorher drauflegen müssen“. Drauflegen? Ich verstand nur Bahnhof und wiederholte noch mal meine Frage. Denn durch den plötzlich menschlichen Kontakt, den ich bewusst hervorzurufen versuchte, hat diese Frau alles durcheinandergebracht. Sie verstand meine Frage nicht.

Ein Seufzen ging durch die Schlange. Und ich dachte: Die Pokemons wollen spielen und sie bekommen das Gefühl, jemand hält sie davon ab. Der Prozess wurde unterbrochen, dachten sie. Dabei zahlte ich während ich mit der Kassiererin versuchte zu kommunizieren, ich packte meine Tasche ein, der Ablauf an der Kasse wurde nicht gestört. Das Ping lief weiter. Aber ich erklärte der Kassiererin, dass wohl unsere Kommunikation gerade aneinander vorbei läuft. Sie hat wirklich nicht verstanden, was ich meinte. So sehr ist sie in ihrem Ping – Guten Tag- Modus drin. Das Denken abgestellt, keine menschliche Reaktion. Doch! Sie wirkte noch verbissener und unfreundlich.

Dann kam ein Mann in der Schlange zum Vorschein, der belehrend eine Paybackkarte in die Höhe hielt und meinte: „Die ist doch in aller Munde.“ Ungeachtet dessen, dass er gerade seinen Pokemonausweis von Konsumentendummheit in die Luft hielt, erwiderte ich nur: „In meiner Welt ist das nicht in aller Munde. Ich kenne keine Paybackkarte und will sie auch nicht kennen lernen.“

Blicke, seufzen, stöhnen, ächzten und dieser belehrende Pokemonausweis-Hochhalter – das war schon eine sehr groteske Situation. Da war ein gesellschaftlicher Druck zu fühlen. Jeder einzelne scharrte mit den Hufen, war mit der Situation spürbar überfordert, inklusive der Kassiererin. Und das nur, weil ich ein mal auf eine übliche Sache, die immer passiert, mal mit einer menschlichen Geste – einer konkreten Frage – reagiert habe. Götz Werner, der Chef von dm sagt gerne, bei einem Bedingungslosen Grundeinkommen hat er nur die Menschen an der Kasse sitzen, die eben Spaß dran haben. Herr Werner, ich habe eine Mitarbeiterin gefunden, die nach der Einführung eines BGE ganz sicher nicht mehr an der Kasse sitzen würde.

Aber mit diesem Pokemon-Verhalten noch nicht genug. Es geht weiter.

Ein paar Schritte gegenüber von dm ist ein Weg durch Netto, der meinen Nach-Hause-Weg abkürzt. Vor Netto saß eine bettelnde Frau, augenscheinlich mit Migrationshintergrund. Derzeit häuft sich das aggressive Betteln in der Innenstadt, was nicht wirklich schön ist. Aber es ist ein Zeichen der Zeit und wir müssen uns eben auseinandersetzen. Nun gehöre ich zu den Menschen, die immer wieder mal ein wenig Geld in den Becher eines bettelnden Menschen geben. Aber man kann es eben nicht bei allen machen und durch Ansprechen lasse ich mich schon gar nicht moralisch unter Druck setzen. Ich gebe zu, es wird einfach immer schwieriger.

Dieser bettelnden Dame vor Netto sagte ich nur, dass ich aggressives Betteln nicht mag. Eine Erklärung, die ihr vielleicht auch mal eine Hilfe sein könnte. Immerhin sage ich, wieso ich gerade auch nichts in ihren Becher gebe. Parallel läuft eine Frau mit mir bei Netto durch die Tür, die meinte, das hätte ich richtig gemacht. Ich sagte nur, dass es es mit der Armut aber immer schwieriger wird und es auch klar ist, dass Menschen nicht mehr genug Geld zum Leben haben. Da meinte sie nur: „Dann soll sie arbeiten gehen!“ – „Ich kann auch nicht mehr arbeiten“, sagte ich ihr und ließ sie mit diesem saublöden Spruch stehen. Ich sah noch, wie ihr der Kiefer runterklappte. Schon wieder ein Pokemon, kalt und verständnislos, fordernd und ohne Empathie.

Aber damit nicht genug.

Als ich den Gang von Netto durchquerte und auf der anderen Seite wieder rauskam, wollte ich eine Straße überqueren. Ein Autofahrer bog ab und kam bei seiner Geschwindigkeit nur noch mit Mühe kurz vor mir zu stehen. Meine Gefühle brodelten durch die Ereignisse der letzten 4 Minuten schon enorm in Anbetracht der egoistischen und rücksichtslosen Gesellschaft, die sich mir gerade bot. Und dann noch der Schock oben drauf. Da ich nun mal gerade da stand, der Autofahrer mir vis a vis und nicht weiterfahren konnte, wies ich ihn dezent darauf hin, dass abbiegende Fahrzeuge Fußgänger über die Straße gehen lassen müssen. Er entschuldigte sich. Hammer! Ein sich entschuldigendes Pokemon. Sollte es noch mehr davon geben? Ist die Welt doch noch zu retten?

Manchmal habe ich einfach nur das Gefühl, mich immer mehr von diesen Menschen, Wesen, Robotern, wie auch immer man sie nennen mag, zurückzuziehen. So will ich gar nicht sein. Aber eine Kommunikation ist auch schwer möglich. Ich weiß oftmals nicht mehr, wie ich mit den Menschen reden soll. Sie sind emotional und auch rational so weit weg von mir. Dabei versuche ich, sie noch zu verstehen, stelle Fragen. Ich möchte wissen, wieso sie so sind, wie sie gerade sind. Wieso sie das tun, was sie gerade tun. Aber als Antwort wird mir der Pokemonausweis gezeigt.

Das waren ziemlich bittere 5 Minuten, die mich wieder sehr nachdenklich machen.

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