Systemrelevanter Journalismus? Hier: Stromsperren

In der WAZ wusste Frau Eva Arndt zu berichten, dass es unterschiedlichste Gründe für Stromsperren gibt. In Gelsenkirchen sind pro Jahr 4.000 Menschen davon betroffen, so lässt uns der Bericht erfahren. Um das fehlende journalistische Handwerk noch zu unterstreichen, schreibt Frau Arndt: „Arme Bürger, böse ELE?“

Diese Verhöhnung von Betroffenen wollte ich nicht unkommentiert stehen lassen und habe an Frau Arndt folgende Zeilen geschickt.

„Sehr geehrte Frau Arndt,


in Ihrem Bericht vom 28.12.2017 mit der Überschrift „Es gibt unterschiedlichste Gründe für Stromsperren“, lassen Sie Fragen offen, die Sie mir durch dieses Schreiben bitte beantworten mögen.

1. Sie übernehmen die Rhetorik: „Arme Bürger, böse ELE“. Wieso lassen Sie eine derartige Aussage unkommentiert? Viele arme Bürger in Gelsenkirchen sind Betroffen, das ist nicht zu leugnen. Die ELE ist ein Wirtschaftsunternehmen, welches Gewinne maximieren will. Mit dieser Rhetorik stellen sie zwei Positionen gegenüber, welche wie Äpfel und Birnen verglichen werden können. Wieso nutzen Sie nicht die Gelegenheit, Bezug auf den aktuellen Regelsatz beim ALG II zu nehmen, der ab 2018 für Strom, Wohnen und Instandhaltung 36,89 Euro betragen wird? ELE bietet Strom zu Preisen an und der Kunde muss bezahlen. Dass die Rechnungen nicht immer bezahlt werden können, hat Gründe.

Es ist nicht erkennbar, was Sie mit dieser Einleitung journalistisch aufklären wollen?

2. Sie nutzen als Ansprechpartner und Quelle den Pressesprecher der ELE. Dass dieser nicht neutral, sondern für das Unternehmen spricht, liegt auf der Hand. Als Journalist wäre hier eine Kontroverse bzw. die Gegenüberstellung einer anderen Quelle ihre Chance der Aufklärung gewesen. Wieso lassen Sie dies offen? Dass der Pressesprecher der ELE sein Unternehmen nicht als böse darstellt, braucht keinen journalistischen Hintergrund. Was also soll dieser Artikel bezwecken?

3. Es wird der Versuch gestartet, dem Leser zu suggerieren, dass nicht nur Armut Schuld an den Stromsperren ist. Das ist nachvollziehbar. Als eine Gruppe werden überforderte junge Menschen vorgeschoben. Die wird es sicherlich geben, die gab es auch immer und wird es in Zukunft immer geben. Junge Menschen müssen lernen, ihre Eigenständigkeit zu leben. Aber auch hier haben sich die Umstände geändert. Sie müssen höhere Mieten, Stromkosten, Lebenshaltungskosten bezahlen, erhalten dagegen weniger Einkommen, als noch vor einigen Jahren. Dass junge Menschen überfordert sind, liegt ebenso in der arbeits- und sozialpolitischen Struktur, die eben HIER von Ihnen hätte genauer recherchiert werden und von Ihnen journalistisch präsentiert werden können. Auch hier die Frage: Wieso lassen Sie die Chance von Aufklärung und Hintergrundbericht aus?

4. Der Pressesprecher der ELE informiert Sie darüber, dass „einige“ Mieter sich nicht abmelden und verschwinden. Dieses „einige“ hätten Sie hinterfragen können. Wie viele „einige“ von 4.000 Stromsperren im Jahr sind das?

5. Wie viele Fälle von Stromdiebstahl, der ebenfalls erwähnt wird, gibt es in Gelsenkirchen. Auch hier fragen Sie nicht nach und lassen uns an einer Erkenntnis nicht teilhaben.

6. Der Pressesprecher von ELE erwähnt, dass es gute Netzwerkpartner gibt, welche ALG-II-Bezieher und arme BürgerInnen helfen würden. Sie lassen aus zu erwähnen, an wen sich die Betroffenen wenden können. Wieso nennen Sie diese Netzwerkpartner nicht?

7. Zahlen, Daten, Fakten, das alles findet in Ihrem Artikel nicht statt. Wenn Sie mit armen Bürgern und bösem Stromanbieter „argumentieren“, müssen Sie auch Fakten liefern. Wie viele Fälle von jungen und überforderten Menschen gibt es? Wie viele Fälle von Stromdiebstahl gibt es? Wie viele ALG-II-Bezieher und arme Menschen sind betroffen? Wie viele nicht abgemeldete Haushalte gibt es? Mit diesen Informationen würde Ihr Artikel einen Inhalt schaffen, mit dem der Leser wirklich was anfangen könnte.

Was also ist die Mitteilung an den Leser, der diesen Text auch noch bezahlen soll? Es ist kein wirklicher Inhalt erkennbar, der nur einen Euro wert wäre. Investigativer Journalismus kostet Geld. Das Investigative lassen Sie jedoch an vielen Stellen aus.

Ich bitte Sie, doch bei der ELE zu erfragen, wie die genauen Zahlen denn aussehen. Wenn Sie einen Bezahlartikel schreiben, sollten diese Informationen recherchiert sein. Es kann doch nicht in Ihrem Interesse sein, dass BürgerInnen diese Arbeit erledigen. Dann würde Ihr Bezahlmedium komplett ad absurdum geführt.

Dieses Schreiben werde ich öffentlich halten. Gerne dürfen Sie es auch als Leserbrief abdrucken.

Ich bedanke mich im Voraus für Ihre Antworten.

Mit freundlichen Grüßen
Sandra Stoffers“

Da derzeit eine WAZ-Umfrage läuft, schickte ich dieses Schreiben auch an den Chefredakteur Herrn Tyrock. Ebenso fragte ich kürzlich die Geschäftsführer der Funke-Mediengruppe zu den internen Strukturen anlässlich aktueller Entlassungsmodalitäten an. Es mag vielleicht Zusammenhänge bzgl. der Qualität und dem Umgang mit den Mitarbeitern bestehen. Das versuche ich herauszufinden.

„Sehr geehrter Herr Braun,
sehr geehrter Herr Wüller,
sehr geehrter Herr Tyrock,

mit Ihrer WAZ-Umfrage möchten Sie die Qualität Ihrer Produkte reflektiert wissen. Was ich daran bezweifle, habe ich Ihnen bereits geschrieben. Aber ein Beispiel kann ich Ihnen mit diesem Schreiben an die Gelsenkirchener WAZ-Redaktion gerne liefern. Ebenso habe ich in meinem Schreiben an Sie als Geschäftsführer die Entlassungsmodalitäten (Schließung des Foto Pools) kritisiert und erwähnt, welche Auswirkung eine entsprechende Konzernführung auf die Mitarbeiter hat. Auch Ihnen sei dieses Beispiel ein Hinweis dafür, dass Verbesserungen in Ihrem Konzern mehr als notwendig sind.

Ich hoffe auf Kenntnisnahme.

Mit freundlichen Grüßen

Sandra Stoffers“

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