Frauen, die wie Raketen abgehen und beim Arbeitgeberverband landen

Der Soziale Arbeitsmarkt geht in die nächste Stufe. Man will uns dieses Konzept als prima verkaufen, ist aber nur prima für die, die daran verdienen. Mittlerweile haben wir eine neue Eskalationsstufe erreicht. Waren die bekannten Ein-Euro-Jobs noch auf gemeinnützige Organisationen gerichtet, öffnet sich dieser Markt nun der Privatwirtschaft. Das war zu erwarten.

Was nicht zu erwarten war, ist ein Verbal-Limbo von Herrn Grütering, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Emscher-Lippe. In folgendem Text steckt so Einiges, das mal hinterfragt und auch erwähnt gehört. Also schrieb ich ihm:

„Sehr geehrter Herr Grütering,


im Lokalkompass bin ich auf Sie aufmerksam geworden. Unter der Überschrift „Langzeitarbeitslose: Experiment setzt auf den Klebeeffekt“, finden sich ein paar Formulierungen, auf die ich doch gerne etwas näher eingehen möchte.

Der Soziale Arbeitsmarkt ist ein steuerfinanziertes Projekt, welches Langzeitarbeitslose wieder in Erwerbsarbeit bringen soll. Dass wirtschaftliche Unternehmen sich über Personal freuen, die steuerfinanziert in ihrem Betrieb arbeiten, ist nur mehr als verständlich. Die Politik bietet an, die Wirtschaft greift zu. Ein Unternehmen möchte seine Gewinne maximieren, da kommt so ein Arbeitsmodell gerade recht. Aus diesem Grunde kann ich die Befürwortung aus Ihrer Sicht nachvollziehen, kritisiere jedoch auch gleichzeitig die Politik.

Nun meine Fragen an Sie:

1. Reaktivierung von Jobs:

Sie sagen im Lokalkompass:

„Ich denke an viele einfachste Tätigkeiten, wie die des Boten, Fegers, Telefonisten, die aus Kostengründen abgeschafft wurden und nun durch die Unterstützung wieder aktiviert werden könnte.“

Wenn ein Unternehmen Tätigkeiten abgeschafft hat, scheinen sie nicht notwendig zu sein. Wie wurden die Arbeiten des Boten ersetzt? War es die Technologie? Wie wurde die Hauspost in den Unternehmen verteilt, wenn diese Tätigkeiten abgeschafft wurden?

Der Feger wurde abgeschafft. Wie sieht denn das Gelände der entsprechenden Unternehmen aus? Oder wird diese Arbeit von anderen Mitarbeitern übernommen? Was passiert dann mit ihnen, wenn sie Arbeit abgeben müssen?

Wenn Telefonisten abgeschafft wurden, sind vielleicht Aufträge an Callcenter gegangen? Ersetzen somit steuerfinanzierte Arbeitsplätze den „echten“ Arbeitsplatz im Callcenter? Oder wurden diese Arbeiten gar nicht mehr benötigt? Wieso werden sie dann jetzt benötigt?

Irgendwie müssen doch die Abläufe in den Unternehmen funktioniert haben. Wieso sollte man dann Arbeiten reaktivieren? Da bleibt mir nur eine Antwort: Jeder vermittelte Langzeitarbeitslose bringt bei einer Vollzeitstelle 1.000 Euro. Da ist es doch nur nachvollziehbar, dass ein Langzeitarbeitsloser einen Besen in die Hand gedrückt bekommt. Ob die Arbeit jedoch sinnvoll ist, wie Befürworter des Sozialen Arbeitsmarktes vermitteln wollen, bleibt dahingestellt.

2. Qualifikation, Fachkräfte und Billigarbeit:

Sie sagen im Lokalkompass:

„Unter den Langzeitarbeitslosen befinden sich sehr viele hoch qualifizierte Frauen, die zurück in den Beruf geholt werden könnten. Das würde dem Fachkräftemangel entgegen wirken. Und wir könnten diesen Frauen vermitteln: Wir brauchen Euch und Eure Qualifikationen. Damit erfahren diese oft alleinerziehenden Frauen eine Wertschätzung.“

Es geht um den sozialen Arbeitsmarkt und Sie reden von hochqualifizierten Frauen, die zurück in den Beruf GEHOLT werden könnten? Wenn sie hochqualifiziert sind, wieso stellen Sie dann diese Frauen nicht mit einem Arbeitsvertrag inkl. guter Bezahlung ein? Know How hat seinen Wert. Wie können Sie behaupten, dass eine hoch qualifizierte Frau Wertschätzung erfährt, wenn sie fegt, Post verteilt oder telefoniert?

Wenn alleinerziehende Frauen ihrer Qualifizierung nicht folgen können, liegt dies zumeist an den fehlenden Standards bei den Arbeitgebern. Firmeneigene Kita, mehr Flexibilität bei Arbeitgebern könnten da Abhilfe schaffen.

Sie sagen:

„Und natürlich würden wir versuchen ihnen auch die Hilfen anzubieten, die nötig sind, damit sie wieder berufstätig werden können, etwa Kita-Plätze bereitstellen.“

Da kommen Sie erst jetzt drauf? Zudem können Sie auch dynamische Arbeitsprozesse erwähnen, Heimarbeitsplätze, flexible Arbeitszeiten. Das ist kein Problem der Frauen, das ist ein Problem von Männern, welche keine sozialen und dynamischen Arbeitsmodelle ausarbeiten können oder wollen. Das sind noch Standards aus dem letzten Jahrtausend.

Sie wollen qualifiziertes Personal? Dann sollten Sie auch entsprechend zahlen, das wäre eine wirkliche Wertschätzung.

3. Frauenbild:

Unter Ihrem Bild im Lokalkompass werden Sie zitiert:

„Ich glaube, dass viele Frauen abgehen werden wie eine Rakete, wenn sie diese Chance bekommen.“

Weil Sie ein toller Hecht sind und der geile Arbeitsmarkt die Ischen voll befriedigt? Ich führe nur Ihren Verbal-Limbo weiter, um zu verdeutlichen, was Sie da genau sagen.

Wenn Sie in der Öffentlichkeit zu so einem verbalen Sexismus greifen, möchte ich gar nicht erst wissen, wie sich ihre Alltagsgespräche anhören. Hat Ihnen noch niemand gesagt, dass man sich so nicht ausdrückt? Mir scheint, Ihr Frauenbild ist etwas realitätsfern und bedarf an Korrektur.

4. Klebeeffekt

Im Lokalkompass sagen Sie:

„Wir setzen auf den Klebeeffekt.“

Früher nannte man das „Arbeitsvertrag“. Es steht Ihnen nichts im Wege, Menschen einzustellen. Ihre Ausdrucksweise hinterlässt den Eindruck, dass Sie nicht nur Respekt Frauen gegenüber vermissen lassen, sondern allgemein den Menschen gegenüber. Das sind sprachliche Umgangsformen, welche nicht in Ordnung sind. Ist Ihnen das überhaupt bewusst?

Es wird gerne im Zusammenhang mit Langzeitarbeitslosen ein Bild vermittelt, welches diese als unfähig, ungebildet und nicht Willens zeigen soll. Oft wird ausgeblendet, dass nicht mehr alle Menschen in Erwerbsarbeit gelangen können. Dafür ist der Arbeitsmarkt des 21. Jahrhunderts nicht mehr ausgerichtet.

Es ist die Natur des Menschen Werkzeug, Erfindungen und Technologien weiterzuentwickeln, dass er sich anderen Dingen zuwenden kann. Wieso also ist es notwendig, Menschen in Arbeiten zu bringen, die bereits aus Kostengründen abgeschafft wurden und scheinbar nicht mehr benötigt wurden?

Es wäre doch viel sinnvoller, diese Menschen dahingehend zu fördern, ihre Talente zu erkennen und weiterzuentwickeln. Da ist Personalführung und Personalentwicklung gefragt. Arbeitsplätze, die im Übrigen nicht so einfach von Maschinen übernommen werden können. Ein Solcher Umgang mit Mitarbeitern würde ein Unternehmen positiv auszeichnen.

Boten, Feger und Telefonisten einzustellen, obwohl die Stellen bereits abgeschafft wurden, ist nicht gerade ein Prädikat für ein Unternehmen. Es scheint nur ein Vorwand zu sein, 1.000 Euro Lohnkostenzuschuss zu erlangen.

Herr Töns von der SPD (MdB) sagte im Kandidatencheck zur Bundestagswahl, dass mit dem Sozialen Arbeitsmarkt Langzeitarbeitslose die Chance bekommen sollen, ihr Geld auch mit Arbeit zu verdienen.

Nun eine letzte Frage an Sie: Womit verdienen Unternehmer den Lohnkostenzuschuss vom Sozialen Arbeitsmarkt? Ihre Arbeit wäre es doch, den Langzeitarbeitslosen in seinem Talent zu fördern.

Dieses Schreiben werde ich öffentlich halten, weil der Bericht mit Ihren Aussagen ebenfalls öffentlich ist. Ihre Antwort werde ich natürlich ebenfalls veröffentlichen.

Vielen Dank im Voraus und
Freundliche Grüße
Sandra Stoffers

 

 

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Ein Kommentar zu “Frauen, die wie Raketen abgehen und beim Arbeitgeberverband landen

  1. Herr Grütering hat mir geantwortet:

    „Sehr geehrte Frau Stoffers,

    recht herzlichen Dank für Ihre E-Mail.

    Mit Bestürzung habe ich Ihren Vorwurf zur Kenntnis genommen und möchte auf diesem Weg klarstellen, dass meine Äußerungen in keiner Weise „ sexistisch“ gemeint war. Mir ist wichtig deutlich zu machen, dass Frauen, die über Jahre als Alleinerziehende benachteiligt waren und nach einer Langzeitarbeitslosigkeit die Möglichkeit erhalten am 1. Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, aus dieser Situation heraus , hoch motiviert und einbringend diese Chance ergreifen werden. Dies war meine alleinige Intention !

    Wenn ich durch meine Äußerung einen anderen Eindruck erweckt habe, bitte ich dies zu entschuldigen. Ich hoffe Sie können nachvollziehen, dass meine Absicht eine andere war.“

    Er bietet mir noch ein persönliches Gespräch an. Da durch meine Anfragen derzeit ein paar Gespräche anstehen, werde ich mal schauen, wie zeitnah das Gespräch erfolgen kann.

    Ich freue mich jedoch, dass Herr Grütering sich entschuldigte.

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