Ich bin nicht „Wir“ und mehr schon gar nicht

Es ist schon auffällig, dass sich derzeit Massenbewegungen zu etablieren versuchen. Endlich fällt auch dem letzten in dieser Gesellschaft auf, dass wir ein Problem mit rechtem Gedankengut haben. Endlich fällt auch dem letzten in dieser Gesellschaft auf, dass wir ein Problem mit Neoliberalismus, Kapitalismus und dem Abbau sozialer Errungenschaften haben.

Und was macht die Gesellschaft daraus?

Die einen grölen rechts. Sie bestehen darauf, das Volk zu sein. „Wir sind das Volk“, soll suggerieren, dass sie Viele sind. Prompt entwickelt sich eine Gegenbewegung, die glaubt, mehr zu sein. „Wir sind mehr“, wollen sie entgegensetzen. Das kling wie: „Wir sind drei Mal mehr als wie Du.“ Aber wer sind diese WIRs alle?

Ich habe keine Ahnung und distanziere mich von allen WIRs. Denn ich kann gar nicht überblicken, welche Gesinnungen dahinterstecken.

Facebook ist eine wunderbare Plattform, um Sozialstudien zu betreiben. Und einige Menschen, die sich Bewegungen anschließen, kenne ich bereits seit einigen Jahren. Man konnte inhaltlich verfolgen, dass sie politisch sehr interessiert sind. Sie glauben an Parteien, gehören oftmals auch einer an.

Plötzlich gibt es eine neue Bewegung, die behauptet, wir seien mehr. Wer sind diese wir? Und wer sind die anderen? Die einen links, die anderen rechts? Das ist doch wieder Schubladendenken. Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß. Ich kenne dieses „Wir“ nicht und möchte auch nicht dazugehören. Und hier stellen sich die Fragen:

Wieso will plötzlich dieses „Wir“ überall dazugehören? Und wozu gehören? Zu denen, die seit Jahren geschwiegen haben, wenn Hartz-IV-Bezieher gedemütigt wurden? Wolfgang Clement hat zu Beginn von Hartz IV ätzend gegen Arbeitslose gewettert und das Bild vom faulen Arbeitslosen in die Mitte der Gesellschaft platziert. Noch heute hört man: „Mein Nachbar (Bekannter, Bruder, etc.) hat in seinem Leben noch nie gearbeitet.“ Oder „Der hat doch gar keine Lust zu arbeiten“.

Dieses „Wir“ will sich jetzt gegen Rechts stellen und wundert sich, dass die Menschen immer aggressiver werden? Hat dieses „Wir“ nicht auch weiterhin das Bündnis ´90 / Die Grünen oder sPD gewählt? Haben sie vergessen, welch eine Schmach diese Rot-Grüne Koalition mit der Agenda 2010 in unseren Alltag gebracht hat? Und cDU/csU, fdP machten mit. Hat dieses „Wir“ nicht viele, viele Jahre dieses „Weiter so“ gewählt, welches uns jetzt gesellschaftlich auf die Füße fällt? Dieses „Wir“ arbeitete mit an diesem Konstrukt, indem Menschen ausgegrenzt werden.

Dieses „Wir“ lese ich zurzeit auch mit den Worten: „Hau den Nazis auf die Fresse!“ und macht sich gemein mit den Methoden der Rechten. Sie wollen was verändern, indem sie das Gleiche tun wie bisher oder schlimmer noch: Das Gleiche wie auch die Rechten. Und so kann es gehen. Von diesem „Wir“ distanziere ich mich. Nachdem ich kürzlich über dieses Thema versuchte zu diskutieren, kam nicht wirklich eine vernünftige Argumentation von den Aussendern dieser Parole. Aber sie halten sich für links. Nein, das ist nicht mein Verständnis von „Wir“. Sie heizen die Stimmung nur an, wie man hier bereits lesen kann: Männer halten Metal-Fan für Nazi.

Dieses „Wir“ hat gar kein Konzept gegen Rechts, weil sie überhaupt nicht darüber nachdenken, was die Ursachen sind. Es ist so schön einfach Rechte zu verurteilen. Ja, das tu ich auch. Aber ohne die Bemühung nach der Ursachenforschung, bleibt es auch nur eine Beleidigung in Richtung Rechts. Ohne Konsequenz.

Wenn wir jedoch nach den Ursachen forschen, müssen wir an die Politiker ran. Und das versuche ich schon seit einiger Zeit. Und die Reaktionen sind zum Teil entlarvend oder gebetsmühlenartig. Aber ich bin da. Ich zeige den Abgeordneten, die sich auffällig oder widersprüchlich verhalten, welche Themen mir wichtig sind. Und wenn sie entgegen ihrer Selbstdarstellung Politik machen, bin ich da, schreibe ihnen, fordere sie auf, Politik für die BürgerInnen und nicht für ihre Tasche zu machen. Wäre das nicht die Aufgabe der BürgerInnen? Wäre das nicht effizienter?

Dieses „Wir“ lässt sich bei einem Konzert bespaßen. Das ist einfach, macht nix kaputt. Aber konkrete demokratische Instrumente zu nutzen, unbequem zu sein, mit Namen und nicht im Schutz der Masse tätig werden, das ist wirklich harte Arbeit. Hat man Angst vor Shitstorms? Woher kommen denn diese Shitstorms? Von diesem „Wir“?

Gruselig ist gerade auch die Forderung dieses „Wir“s von Kulturschaffenden, sich gegen Rechts positionieren zu müssen. Der soziale Druck beginnt. Frei nach dem Motto: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. So wird eine Helene Fischer aufgefordert, mit einem Konzert gegen Rechts ihrem Publikum zu zeigen, das Rechts Scheiße ist. Sie hätte ja eine breite Masse, die sie erreichen könne.

So geht das also. Man zeigt nun auf Einzelne, die nicht augenscheinlich zum „Wir“ gehören und stellt Forderungen. Ich dachte, wir leben noch in einer Demokratie und jeder hat das Recht sich nach seinem Willen, wenn er verfassungskonform ist, verhalten zu dürfen. Wie kann man nur ernsthaft glauben, dass Helene Fischer ein Publikum, was einfache Wahrheiten sucht und das auch mit einfacher Musik bestätigt, mit entsprechenden Statements überzeugen kann?

„Gerade in der als konservativ geltenden Schlagerszene halten sich traditionell viele Stars zurück, wenn es um Politik und eindeutige Positionierung geht.“ 

Tatsächlich las ich bei FB: „Wo sind Hannes Wader, Wolfgang Niedecken, Konstantin Wecker und Reinhard Mey?“ Da bleibt völlig ausgeblendet, dass gerade diese Künstler immer da sind und auch fleißig mit ihren Liedern bei FB stets geteilt werden. Nur wer hat sie denn wirklich verstanden? Wenn ein Konstantin Wecker „Empört Euch singt“, haben viele vielleicht nur bestenfalls Beifall geklatscht. Aber wer hat wirklich begonnen, demokratische Instrumente zu nutzen, um die Empörung umzusetzen?

Jetzt müssen Promis also liefern, was Demos also die BürgerInnen in diesem Land, Jahrelang geduldet oder sogar mitgestaltet haben.

Was will man also von einer Gesellschaft erwarten, die noch die protestantische Arbeitsethik predigt und die preußische Gehorsamkeit in der Schule lernt? Bevor ein „Wir“ sich zusammenschließt, ist noch dringend Aufklärung erforderlich. Die eigene Emanzipation, Reflektion und auch das Kennen der eigenen Individualität ist erst mal von Nöten, um stark auch in einem „Wir“ sein zu können.

Aber es ist sehr oft festzustellen, dass die eigene Persönlichkeit recht instabil ist und man sich gerne in einer Masse versteckt und das Gefühl haben will, dazuzugehören. Spricht man diese Menschen persönlich an und wird auch konkreter bezüglich ihrer Beweggründe, reagieren sie oftmals aggressiv. Sie sind unsicher. Und dieses unsichere „Ich“ will im „Wir“ stark sein? Ein „Wir“, das dynamisch ist und man mit einem schwachen „Ich“ nicht kontrollieren kann? Ganz schnell kann man sich in einer Situation wiederfinden, die gar nicht gesund für eine Gesellschaft ist. Hier hilft das kritische Hinterfragen.

Die einzige Lösung scheint derzeit wirklich zu sein, man stellt sich an die Front und wird zu einem Führer oder Führerin. Frei nach dem Motto: Bevor die Rechten die Meute kontrollieren, mach ich das lieber. Wieso denke ich gerade an Sahra Wagenknecht…… ?

Eben dieses kritische Hinterfragen fehlt auch bei der Bewegung „Aufstehen“. Erst mal wird gefolgt. Man folgt der Sandale, welche die Gruppe Monty Python schon ihn ihrem Film „Leben des Brian“ wunderbar darstellte. Unter den Aufstehern sind Menschen, die Freiheit wollen, aber einer Kommunistin folgen. Darunter sind Menschen, die für das Bedingungslose Grundeinkommen sind und folgen einer Person, die diese Idee vehement ablehnt. Wieso tun sie das? Sie wollen eben einfach nur dazugehören. Einer großen Sache folgen, es den anderen zeigen – wie die Rechten übrigens – auch wenn sie nur Instrumente für die Karriere Anderer sind.

Darf man sie kritisch fragen, wieso sie das tun? Dürfen ja, aber auch hier erlangt man sehr schnell aggressive und persönlich werdende Reaktionen. Das ist vergleichbar mit dem Verhalten eines kleinen Kindes: „Nimm mir das nicht weg.“

In einer Gesellschaft, die nicht gelernt hat, kritische Fragen zu stellen und auch auszuhalten bis hin auch zu beantworten, weil sie wissen, was sie tun, ist ein unreflektiertes „Wir“ für mich schwer auszuhalten.

So lange dieses „Wir“ gegen Arbeitslose wettert, nicht begreift, dass die etablierten Parteien unter die Kontrolle der BürgerInnen gelangen müssen, so lange dieses „Wir“ nicht mal den Mut aufbringt, sich innerhalb ihrer kleinen Organisationseinheit (Familie, Vereine, Parteien) auseinanderzusetzen, wird dieses „Wir“ auch kein „Wir“ sein. Wieso wendet sich dieses „Wir“ nicht mal der direkten Demokratie und dem Art. 20 Abs. 4 des Grundgesetzes zu?

„Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

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2 Kommentare zu “Ich bin nicht „Wir“ und mehr schon gar nicht

  1. Ich bin auch nicht Teil eines „Wir“. Vielleicht sollten wir uns in einem kleinen nicht-Wir zusammentun. Die wirren „Wir-er“ nenne ich übrigens „Wirologen“, weil sie immer so sinnlos von einem „wir-tuellen“ „Wir“ faseln. Fasel-Land halt.

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